Mittwoch, 10. Januar 2018

Ein kleiner Gast

Mit freundlicher Genehmigung von Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Milla wandte sich um und erblickte das Kätzchen:
„Ein Tarik? Warum ist das ein Tarik?“

„Weil er anklopft! Das ist die Bedeutung des Namens Tarik: Der an die Tür klopft; Besucher, der um Einlass bittet - und auch der Morgenstern heißt so im Arabischen, weil er den Karawanen und Suchenden ein Wegbegleiter ist, Milla.“

„Ich kenne das Kätzchen. Es streift schon ein paar Tage ums Haus. Ich habe den Eindruck, dass es Anschluss sucht.“

„Darf ich es reinholen?“

„Ich weiß nicht. Wahrscheinlich gehört es zu jemandem und da möchte ich es nicht an mich gewöhnen.“

„So wie mich?“
„Wie dich?“
„Ja. Ich habe mich auch an dich gewöhnt und fühle mich bei dir wohl.“

„Danke schön!“ Milla lächelte. Dass der kleine Junge Zutrauen zu ihr gefasst hatte, schmeichelte ihr. Sie trat ans Fenster und betrachtete das Kätzchen. Tarik folgte ihr auf dem Fuß und tippte mit den Fingerspitzen an die Scheibe, wo das Kätzchen um Einlass bat:

„Bitte! Sie sieht auch sehr hungrig aus und so dünn ist sie …“

In der Tat hatte das Kätzchen seit dem letzten Besuch an Millas Backstubenfenster an Gewicht verloren, wirkte geradezu dürr. Das erkannte Milla, doch zögerte sie.

Tarik schaute zu ihr auf: „Sie braucht uns, Milla!“
Millas Hand lag auf dem Fenstergriff.

„Milla, schau, sie ist so dünn! Sie hat wahrscheinlich niemandem, der ihr hilft. Und sie weiß, warum sie hier anklopft: Weil du hier bist und hinter diesem Fenster ist das Paradies für eine kleine, einsame und hungrige Katze.“

Milla öffnete das Fenster und die Katze schlüpfte mit kläglichem Maunzen in die warme Backstube. Purrte und schnurrte um Millas Beine. Tarik nahm sie auf den Arm und blickte selig zu Milla auf:

„Siehst du?“
„Was?“
„Sie ist glücklich!“
„Und du?“
„Auch.“

Ein Schälchen mit Milch war schnell geholt, etwas Weißbrot mit Leberwurst bestrichen und eingebrockt und schon bald lag die kleine Katze mit prallem Bäuchlein in Tariks Schoß. Der war versunken in die Betrachtung des kleinen Besuchers, kraulte und wiegte ihn und sang leise Lieder in einer Milla fremden Sprache. 

Leise fragte sie:
„Singst du da Lieder aus deiner Heimat, Tarik?“
„Lieder sind Heimat, Milla.“ Tarik flüsterte. „Sie mag dich.“
„Sie ist ein Kater, Tarik.“


Milla seufzte. Erst der Junge, dann der Kater. Und die Torte sollte noch heute fertig werden. Sie wandte sich wieder dem Arbeitstisch und den nächsten Arbeitsschritten zu.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Wie Kunst entsteht … Wie?


Kunst ent
steht und geht
durch die Welt
ist sie fragt
nicht nach dem
Wie ist sie
weit voraus geht
mit und in dir ein
und aus.
Ludwig Janssen © 4.1.2018


Ein Pflaumenbaum aus Buttercreme

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Milla tanzte, einen ebenso leichtfüßig zirkelnden Tarik im Gefolge, beschwingt in ihre Backstube. Der Biskuitboden war inzwischen ausgekühlt und Milla schnitt ihn zu drei Lagen. Sie bereitete mit gutem Kakao einen weiteren Biskuitteig und gab ihn in drei kleine, jedoch hohe Backringe, deren Böden sie mit Backpapier verschloss. Und dann noch einen weiteren Teig, den sie in eine Springform gab, der um etwas kleiner war als der zuerst verwendete. Die Backstube war erfüllt von einem köstlichen Duft. Der zog durch das leicht geöffnete Fenster der Backstube in den Hof, auf die Straßen und ließ die Bewohner des Dorfes wissen, dass Milla Cremeso wieder eine ihrer legendären Torten zauberte. Tarik rührte in den leise köchelnden Pflaumen und Milla zeigte ihm, wie er die Pflaumen durch ein Küchensieb passieren konnte.

Milla hatte eine Idee, endlich eine Idee - und diese Idee drängte zur Vollendung.
Aus weicher Butter, einigen Eigelb, etwas Kokosfett und Puderzucker rührte sie eine Buttercreme an, schmolz dunkle und helle Schokolade und gab davon zusammen mit etwas Rum in je zwei Teile der Buttercreme. Unter den dritten Teil hob sie Erdbeermarmelade, die sie im Sommer selbst gekocht hatte, und frische, in Stücke geschnittene und gezuckerte Erdbeeren. Tarik sah staunend zu und tunkte ab und an einen Finger in die so entstehenden Köstlichkeiten.
„Das werden die Wurzeln, Tarik!“
Aus den fertigen Böden schnitt sie einen Kreis aus.
„Warum machst du das, Milla?“
„Hast du schon einmal einen Baum ohne Stamm gesehen?“
„Nein.“
„Also …“ lächelte Milla und reichte Tarik Modellierfondant, den der Junge kneten durfte. In die entstandenen Tortenbodenringe passten die kleinen Böden nicht genau. Vielmehr blieb eine Lücke von einem guten Zentimeter.
„Milla, du hast zu viel weggeschnitten!“ Tarik wirkte erschrocken.
„Nein, Tarik, wart nur ab und schau zu, das wird schön!“
Milla schnitt auch die dunklen Biskuitböden in passende Scheiben.
„Ich denke, jetzt brauchen wir noch mehr Schokoladen-Buttercreme und dann, später: Sahnecreme, mit Pflaumen.“
„Schokolade – für den Stamm?“
„Ja, Tarik, den Stamm. Bitte reich mir von der dunklen Kuvertüre, Sahne und die Schokoladenglasur, jetzt wird es ein wenig sonderbar.“
Milla ließ Tarik die Kuvertüre in der Mikrowelle schmelzen und mit heißer Sahne vermengen:
„Die brauchen wir später, das wird unsere Ganache, ich habe noch welche in der Kühlkammer, die werden wir jetzt ein wenig erwärmen.“
Dabei strich sie die mittlerweile geschmolzene Kuchenglasur auf einen Bogen Backpapier, deckte einen zweiten Bogen darüber und rollte die Bögen samt der Glasur darin zusammen.
„Ab damit in den Kühlschrank!“

„Milla, schau! Ein kleiner Tarik!“


Tarik strahlte. Zum Garten hin hatte die Backstube ein Fenster zum Garten. Dort saß auf der Fensterbank eine kleine schwarz-weiße Katze, miaute und tupfte mit der Pfote an die Fensterscheibe.

Mittwoch, 27. Dezember 2017

Ein Gedicht

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


„Da war ein Mann,“ Tarik lehnte sich im Stuhl zurück und es schien, als würde er sich zum einen konzentrieren und doch zugleich verlieren, irgendwo hinter dem Blick seiner dunklen Augen,
„der schrieb ein Gedicht über die Liebe, eine Liebe, seine, die er im Arm hielt unter einem Pflaumenbaum.“

„Brecht!“
Milla erinnerte sich:
„Erinnerung an die Marie A.“, lächelte sie.

„Ja“, erwiderte Tarik ihr Lächeln, „und eine Wolke war da, die im Wind verging …“

„Wie das Glück?“
Milla hatte eine Idee und verwarf sie wieder. Die Torte sollte eine Liebe zum Thema haben, nicht das Glück.

„Die Erinnerung an die Wolke war, was die Zeit überdauerte, nicht das Glück, nicht die Liebe …“
Tarik beugte sich über den Tisch, Milla entgegen, und sah ihr tief in die Augen:
„ … aber die Erinnerung an die Wolke ist, was die Liebe, was das Glück jenes Augenblicks, der doch schwand wie die Wolke im Wind, wachruft und neu entstehen lässt, als sei es jetzt da, jetzt – über alle Zeiten hinweg und, wenn auch ebenso flüchtig wie damals, unauslöschlich.“

„Mmh!“ Milla erkannte, dass ihre Idee gar nicht einmal so schlecht war.
„Wie deine Torte, Milla!“
„Meine Torte?“
„Die Erinnerung an deine Torte. Wie sie aussah, wie sie schmeckte, und wie man beieinander saß und
das junge Glück auf ewig festhalten wollte.“

„Wie alt, Tarik, bist du eigentlich, dass du so klug bist und so viel weißt?“
„Jung bin ich, Milla, und alt bin ich auch.“
„Musst du nicht allmählich heim?“
„Nein, Milla, kann ich bei dir bleiben heute?“
„Deine Eltern werden sich sorgen!“
„Nein, das werden sie nicht. Sie wissen, dass ich bei dir bin. Und alles ist in bester Ordnung.“
„Gut, wenn das so ist, bleibst du – aber gleich morgen Früh gehen wir zu deinen Eltern und du wirst mich ihnen vorstellen, ja?“
„Ja!“
„Gut. Doch jetzt backen wir eine Torte, eine mit Pflaumenbaum und einer Wolke.“

Ein Pflaumenbaum, eine Wolke und eine Torte

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Wer ein Mäuschen war, sah nun ein seltsam vertrautes Paar am Küchentisch sitzen und über eine Torte reden, die für eine Verlobung gedacht war und von der Liebe erzählen sollte. Nicht irgendeiner Liebe, sondern von der eines jungen Paares, das vor knapp zwei Tagen noch Milla gegenüber gesessen und von sich erzählt hatte. Milla hielt es nicht lange auf dem Stuhl. Während Tarik, einen Bleistift in der Hand, über ein Blatt Papier gebeugt dasaß, zuhörte und zu zeichnen schien, schritt sie die Küche ab und breitete ihre Zweifel aus. Wie verliebt doch die beiden auf sie gewirkt hatten. Dass sie sich erinnere, erzählte Milla, wie verliebt sie selbst gewesen war, als sie ihren späteren Mann kennengelernt und der ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. In den Augen der Verliebten hatte Milla Glück gesehen. Glück, das klar und undurchdringlich wie eine gläserne Murmel in sich eine große Liebe umschlossen hielt, auf immer. Umschlossen, wie auch die beiden einander umarmt hatten. Einander umfangen und die Welt ausgeschlossen hatten. ‚Gerade so, wie die Pflaume ihren Kern umschließt‘, ging es Milla durch den Sinn.

Tarik zeichnete. Milla zweifelte. Konnte eine Pflaume, konnte eine Torte verkörpern, ja, wachrufen, und das in anderen Menschen, was sie in den Augen der beiden jungen Menschen gesehen hatte? Was sie an ihre eigene trunkene Glückseligkeit erinnerte, von der sie sich in eine hoffnungsvoll beginnende Ehe hatte mitreißen lassen und die sie, nur ein paar wenige wehrlose Jahre später, an einen einsamem Strand spülte und liegen ließ.

„Und das mit Pflaumen!“, sank Milla auf einen der Küchenstühle. „Eine große Liebe, die wahre Liebe, Glück, Glückseligkeit.“

„Ungefähr so?“


Tarik hielt Milla eine Zeichnung hin. Sie erkannte einen Pflaumenbaum. ‚Wo um Himmels Willen hatte dieser kleine Junge so zu zeichnen gelernt?‘, fragte Milla sich im Stillen. Unter dem Pflaumenbaum erkannte sie ein Paar, das sich innig umschlungen hielt. Über der Szene stand eine kleine Wolke am Himmel.

Montag, 25. Dezember 2017

Ende


"Komm, Hühnchen, lass uns reingehen!"
"Pock!"
"Dann frühstücken wir und gehen noch ein wenig schlafen!"
"P°ck!"
Hmnja. Da gingen sie also, Herr Schalpuke und sein Huhn, zurück ins Haus.
Müsli gabs, vielleicht. Und das Huhn hat seitdem ein geheimnisvolles Schimmern in den Augen.
Ludwig Janssen © 25.12.2017

Ein Schimmerwürmchen


"Die sind vom Mond, Huhn, die können wir gegen Körner für dich eintauschen."
"Pock!"
"Du, Huhn ..."
"Pock?"
"Ich bin müde."
Das Huhn hörte nicht mehr zu. Hatte im Gras ein Schimmerwürmchen entdeckt. Hüpfte aus Herrn Schalupkes Arm, stürzte sich auf das Würmchen und fraß es auf.
Ludwig Janssen © 25.12.2017


Sonntag, 24. Dezember 2017

Geträumt


Das Huhn flatterte auf den Tisch. Schaute ebenfalls zum Himmel empor, dem Mann mit Hut nach, dessen Gestalt kaum noch auszumachen war.
"Na, mein Hühnchen", nahm Herr Schalupke es unter den Arm, „was du so alles träumst ..."
Klaubte Meteoriten auf. Die hatte der Mann liegen lassen.
Ludwig Janssen © 24.12.2017

Samstag, 23. Dezember 2017

Ein Stern


Lehnte sich von der Leiter weg in den immer heller werdenden Morgenhimmel und setzte den Stern in dessen Blau. Kaum hatte er den Stern losgelassen, so erstrahlte der in hellem Licht. Schimmerte noch, als das Licht aller anderen Sterne längst nicht mehr zu sehen war.
"Po°ck!"
Ludwig Janssen © 23.12.2017

Freitag, 22. Dezember 2017

Es wird Tag


Das Licht der blauen Stunde verlor sich im aufkommenden Tag. Herr Schalupke sah dem Mann mit Hut nach, der zum Mond stieg. Mit dem Tageslicht verschwammen die Konturen der Leiter, sahen aus wie ein Kondensstreifen. Die Sterne verblassten. Der Mann holte einen Stern aus der Kiepe.
Ludwig Janssen © 22.12.2017