Sonntag, 22. Oktober 2017

Über das Warten

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Am nächsten Morgen in aller Frühe machte Milla sich an die anstehenden Arbeiten. Doch während der alltäglichen Routine ging ihr durch den Sinn, wie wohl die Torte für Tarik beschaffen sein sollte. Bereits am frühen Nachmittag spähte sie zur Hintertür hinaus, ob sein Lockenkopf schon über den Zaun lugte. Keine Spur weit und breit.
Auch am späten Nachmittag, Milla saß wieder auf den Stufen zum Garten, blieb der erwartete Besuch aus.
Die Sonne ging unter – nichts.

Auch der nächste Tag verlief so, die Woche. Milla überlegte, ob sie zu den Unterkünften gehen und nach Tarik fragen sollte. Verwarf diesen Gedanken, vertiefte sich in die Arbeit. Wenn man wartet, auf etwas wartet, auf das man sich freut, wächst das Warten zunächst mit Freude, rankt sich mit Ungeduld ins Denken und erblüht dann in Zweifeln. So wartete Milla auf Tarik. Wenn man wartet, auf etwas wartet, das unangenehm ist, wächst das Warten zunächst mit Bangen, rankt sich mit Unruhe ins Denken und erblüht dann in Hoffnung. So, ging es Milla durch den Sinn, hatte sie auf ihren Mann gewartet, auf seine Liebe, Zuwendung, dann auf seine Gegenwart und letztendlich gehofft auf eine nüchterne, rasche Trennung, das Ende der Ehe. Das dann auch kam. Heute war sie froh darüber. Musste sie doch nicht ihre Lebenszeit mit einem Menschen verbringen, der sie nicht liebte und ihr Lieben, das sie ihm ausbreitete wie einen Mantel, schon bald unbeachtet ließ und es später als lästig abtat.

Die Torte, die sie zu ihrer eigenen Hochzeit angefertigt hatte, dämmerte es Milla, hatte sie nicht anders gestaltet als die Torten, die sie für ihr fremde Menschen anhand deren Schilderungen gefertigt hatte. Und doch war etwas anders gewesen. Er war kein Mann gewesen, der seine Liebe zu seiner zukünftigen Frau zu beschreiben versucht hätte. Milla selbst hatte diesen Part übernommen wie auch den eigenen und so zwar eine köstliche Torte geschaffen, die von den Hochzeitsgästen hoch gelobt worden war, doch blieb die Hälfte der Torte Projektion und wurde weder ihrem Bräutigam gerecht noch dessen ihr mittlerweile fremden Fähigkeit zu lieben, sie, Milla, zu lieben.


Eine weitere Woche verging, ohne dass Tarik sich bei ihr blicken ließ. Der Sommer stieg und reifte. Millas Geschäft florierte, und ihre Abende verbrachte sie nur noch gelegentlich hinterm Haus auf den Stufen zum Garten.

Vom Zerfließen


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Ludwig Janssen © 26.4.2017

Dienstag, 17. Oktober 2017

...

Einhundertundvierzig
Verschwendung
Leben und Tod
Leerzeichen, Umbrüche
gehören dazu, irgend
wo: Du und ein Satz
zeichen:   ...

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Ein Versprechen

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Tarik beugte sich zu ihr hinab. Ihre Nasenspitzen schienen einander zu berühren.

„Solch eine Torte möchte ich gerne probieren!“

„Du kannst gerne wieder einmal vorbeischauen, Tarik, und vielleicht …“

Milla Cremeso dachte angestrengt nach,
„… bekomme ich bald wieder eine Bestellung herein. Oder …“
Wieder schien Millas Blick auf ein entferntes Ereignis gerichtet,
„ … ich mache eine Torte nur für dich, Tarik!“

„Die von Bürgerkrieg erzählt, Flucht und der Notunterkunft hier?“

„Nein, Tarik. Von den Gärten Damaskus‘ soll sie erzählen. Von den Pflaumenbäumen deines Großvaters und seinen Geschichten, Wie wäre das?“

Tariks Augen leuchteten.
„Ja!“


Und so besiegelten die beiden ihre neu gefundene Freundschaft mit einem Handschlag zum Abschied. Noch lange sah Milla dem kleinen Tarik nach, wie er im Licht der Abendsonne die Straße hinab hüpfte. Aus dem Dorf hinaus geradewegs der Unterkunft zu, die man auf der grünen Wiese für eine Handvoll Flüchtlinge aufgestellt hatte, die der Gemeinde zugewiesen worden waren.

Montag, 2. Oktober 2017

Torte, getanzt

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Tarik saß auf einem Stuhl, den er sich in die Mitte des Verkaufsraums gerückt hatte, schlenkerte mit den Beinen und lauschte Millas Geschichte ihrer Hochzeitstorten. Wie sie, bevor sie sich überhaupt ans Werk begab, sich bis ins Detail vom Kennen- und Liebenlernen des zukünftigen Brautpaares erzählen ließ. Wie daraufhin in ihrer Vorstellung ein Bild reifte, das anschließend unter ihren geschickten und versierten Händen zu Form und Ausdruck fand. Zu einer Hochzeitstorte, deren Aussehen, Duft und Geschmack das Brautpaar und dessen Liebe nicht nur nacherzählte, sondern das Lieben des Mannes und das der Frau aufeinander zu führte und dann auf den Zungen der sie Verzehrenden vereinte. 
Milla geriet ins Schwärmen. Erzählte ihre Geschichte mit Händen und Füßen, wobei die einen in fließender Bewegung zueinander fanden, um dann in weichem Zirkeln sich zu lösen und in großzügig beschriebenen Spiralen auseinander zu streben, während die anderen einen leidenschaftlichen Tanz um eine imaginär entstehende Hochzeitstorte zu vollführen schienen.

„Fertig!“

Mit einem Fingerschnippen und leuchtenden Auges schloss Milla Cremeso ihre Geschichte. Beinahe, aber auch nur beinahe, und, als habe sie es angedeutet, wäre sie aus dem Gleichgewicht geraten. Ein wenig außer Atem geraten ließ sie sich neben Tariks Stuhl nieder, stützte sich nach hinten auf ihre Arme und legte den Kopf in den Nacken:


„Sie lieben es!“

Dabei breitete sie ihre Arme aus - und dehnte das i von lieben über die Maßen, dass es sich blähte wie das Segel eines Bootes, das mit den Möwen über den See flog.

Donnerstag, 28. September 2017

Herr Schalupke und das Schiff


Er stand am Strand und schaute aufs Meer. Es duftete nach Tee, schwarzem Tee. Am Horizont tauchte die Silhouette eines Schiffes auf, das Kurs auf den Strand hielt. Herr Schalupke setzte sich auf ein Sandkorn, ließ sein blaues Huhn in den Dünen spazieren und wartete auf die Ankunft des Schiffes. Allmählich kam es näher. Seltsam, obwohl es sich stetig näherte, blieb es doch so klein, wie es am Horizont aufgetaucht war. Herr Schalupke selbst jedoch, sein Huhn ebenfalls, wuchs und wuchs. Als das Schiff anlandete, krempelte Herr Schalupke seine Hosenbeine hoch bis zu den Knien. Er rief sein Huhn zu sich, nahm es unter den Arm und watete zum Schiff. Es knisterte einladend, als Herr Schalupke über die Reling strich. Die Bordwand des Schiffes war übersät mit verwaschenen bläulichen Schriftzügen. Herr Schalupke schwang sich, das Huhn unter dem Arm, an Bord. Das Schiff legte ab Richtung Horizont. Schalupke las derweil, was er von den Schriftzügen entziffern konnte: Es ging um einen Mann mit Huhn an einem Strand, an dem es nach Tee duftete.


Ludwig Janssen © 27.9.2017

Montag, 18. September 2017

Konfekt und Torten

mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

„Du hast ein schönes Haus!“

„Danke schön! Es ist auch mein Arbeitsplatz.“

„Was arbeitest du – backst du Pflaumenkuchen?“

Milla lachte. Führte Tarik in ihre Backstube und erzählte, was es in ihrer Pâtisserie alles zu kaufen gab. Dass sie all die Köstlichkeiten höchstselbst anfertige und wie die Kunden bei ihr Schlange standen. Von der schlanken Dame, die mit abgespreiztem kleinen Finger vor dem Konfekt stand und eine Praline nach der anderem zu kandierten Früchten und Fondants wählte bis zum pummeligen Metzger, dem ihr Schokoladenkuchen lieber war als jede Leberwurst. Der Junge stand staunend da, von der Vielfalt der köstlichen Düfte und dem Anblick all der Leckerbissen überwältigt, mit offenem Mund. Aufmunternd zwinkernd schob Milla die eine oder andere Köstlichkeit hinein.

„Und Torten!“

Tarik traute sich kaum an die gläsernen Verkaufsvitrinen heran, unter denen mit leisem Surren die Kühlaggregate auf vollen Touren liefen.

Milla dachte bei sich, dass ihre Pâtisserie dem Jungen wie ein Traum erscheinen müsse. Ein Schlaraffenland. Und in der Tat hatte sie den Ausdruck, der jetzt in Tariks Augen lag, bereits oft in den Augen solcher Kunden gesehen, die ihren Laden hungrig betraten.


„Torten!“

Tarik kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Milla erzählte ihrem Gast von den Hochzeitstorten und der Legende, die sich um sie und ihre Verführungskünste rankten.

Montag, 11. September 2017

Ein schöner Name

Mit freundlichen Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Ein schöner Name. Was er wohl bedeuten mochte? Der Bürgerkrieg in Syrien hatte einen Namen bekommen. Ein Gesicht. 

Der Krieg? Nein, nicht der Krieg. Was neben ihr saß, dachte Milla bei sich, waren ein kleiner Junge und dessen Schicksal. War Bestimmung. Hatte angeklopft an ihre Tür. Da waren zwei Lebenslinien, die einander begegneten und miteinander Pflaumenkuchen aßen. Pflaumenkuchen, der auf der einen Seite nun auf immer die freundliche Geste Millas, ihren blühenden Garten – und auf der anderen Seite die Pflaumenbäume der Gärten Damaskus‘ und das Bild eines kleinen Jungen namens Tarik in Erinnerung rufen würde.

„Bist du noch traurig?“


Milla verneinte lächelnd. Über der Begegnung mit dem Kind war ihre trübe Stimmung in Vergessenheit geraten. Gewiss, sie erinnerte sich. Der Grund ihrer traurigen Gedanken war jedoch weit, weit entfernt wie das andere Ufer des Sees. Das gehörte zwar zum See und dessen Ganzen wie das Ufer, das an ihrem Garten verlief, doch verlor es sich in der Ferne wie das Vergessen. Etwas zu vergessen, macht es nicht ungeschehen, aber erträglicher. Milla dachte an ihre Katze und wie die auf der Wiese vor einem Mauseloch saß und es darauf abgesehen zu haben schien, bei den Mäusen in Vergessenheit zu geraten.

Montag, 4. September 2017

Mehr als nur eine Geste

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Milla Cremeso legte ihren Arm um sie Schultern des Jungen. Weich gab der dieser Geste nach und folgte dem Zug an die warme Seite der jungen Frau, die sich nun doch ein Herz fasste und von dem Strom der Menschen erzählte, die ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg gemacht hatten, eine bessere Zukunft in Europa zu finden.

„Dann bin auch ich ein Flüchtlingskind.“

„Mhm…“

Der Strom, den die Berichte in den Medien Milla vor Augen geführt hatten, verlief sich. Tat es dem See gleich, der, wenn sie am hiesigen Ufer stand und Ausschau hielt nach dem anderen, fernen - und einer möglichen Antwort auf ihren großen Fragen, sich zu ihren Füßen verlor in kleinen Wellen, die anlandeten und verliefen. In einem Kind. Fleisch und Blut. Schwarze Locken, südländisch dunkle Haut, kohlrabenschwarze Augen. Was die Medien Flüchtlingswelle nannten, waren für Milla jetzt ein kleiner Junge und eine vertraue Plauderei auf den Stufen zu ihrer Backstube.

„Noch ein Stück Kuchen?“

„Gern.“

Als Milla sich wieder zu ihm auf die Stufen zum Garten gesetzt und ihm ein duftendes, saftiges Stück Pflaumenkuchen gereicht hatte, fragte sie ihren jungen Gast nach seinem Namen:

„Ich heiße Milla, und du?“


„Tarik!“

Mittwoch, 30. August 2017

Wesentlich ist ...

Und dann: Demenz dein Wesen, Ich du kennst dich nicht mehr aus noch ein, irrgehnd ein Ich, verliert sich zu gewesen sein


Ludwig Janssen © 30.8.2017