Mittwoch, 25. April 2018

Sphere





l                       eben ist vergesslich,              v
i                       elleicht weißt du das              e
b                      en erst, wenn alles                  s
e                      inen gang geht, das                 e
r                      denrund steht hier, n               y
t                      rauert nicht, verbeult             
y                      mirs leib, befreit von             s
                        chutt, zeigt er uns jetz            t
s                      o verletztlich ist diese             r
t                      raurige funke mensch,             e
r                      ist eben noch eine seel             e
.                       einen atemzug später to           t


Ludwig Janssen © 22.5.2009

Freitag, 13. April 2018

Ein neuer Tag

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Die Strahlen der Sonne tasteten durch die Kühle des Morgens nach Millas geschlossenen Lidern. Sie erwachte. Rieb sich den Schlaf aus den Augen. Was für ein seltsamer Traum. Milla stand auf und sah nebenan nach Tarik. Das Sofa war leer, Kissen und Decke lagen auf dem Fußboden. Von Tarik keine Spur.

Milla eilte in die Küche. Der Teller war leer, das Kärtchen „Großvaters Garten“ lag daneben. Die Tür von der Backstube zum Garten stand offen, und so wunderte Milla nicht, dass auch vom kleinen schwarz-weißen Kater nichts zu sehen war. Als Milla die Tür zum Garten zuzog, fiel ihr Blick auf den See. Der lag da, ruhig wie immer, und von den winzigen Wellen warf sich reflektierter Sonnenschein in den jungen Tag wie eine längst schon erzählte und doch immer neue Geschichte, die es jedem zu erzählen galt, der zuhören mochte.

Die Torte mit dem Pflaumenbaum darin lieferte Milla noch am selben Tag aus. War die junge Frau zwar noch voller Zweifel, so hörte ihr Zukünftiger umso aufgeschlossener zu. Milla sah, wie er die Torte mit aufmerksamem Blick betrachtete und nach dem Gedicht zu suchen schien, das ihr innewohnen sollte wie ein Segenswunsch, der nicht nur dem Paar und seiner jungen Liebe galt.
Aßen die Menschen von der Torte, würden sie sich an die Liebe erinnern. Wie an eine verloren geglaubte Heimat, zu der es sie zog. Einen Großvater vielleicht. Wie an etwas, auf das sie lange gewartet hatten und das nun in ihr Leben Einzug hielt. Auf einem Esel, vielleicht. Vielleicht aber auch in Gestalt eines Stückchens Torte, das ihnen auf der Zunge verging. Wieder verloren ging, in jenem köstlichen Moment gelebten Erinnerns.

Kaum dass Milla sich wieder in ihr Fahrzeug gesetzt und tief durchgeatmet hatte, wusste sie die Geschichte um das Paar und dessen Verlobung hinter sich und dem Vergessen preisgegeben. Stunden geschäftiger Routine vergingen. Mit der abendlichen Ruhe stieg in Milla ein Gefühl der Verlassenheit auf. Der Mond ging auf über ihrem Garten und begab sich auf seinen nächtlichen Gang um das Drehen der Erde. Milla stand am Fenster der Backstube und sah ihm dabei zu.

‚Gerade so‘, ging es Milla durch den Sinn, ‚hätte ich es mir erdacht, wenn ich das könnte.‘ Ein schwarz-weißer Schatten hüpfte vom Garten her auf die Fensterbank und eine weiße Pfote tupfte ans Fenster. Das Katerchen! Rasch öffnete Milla dem kleinen Gast. Der sprang mit leisem Miu! hinein und schmiegte sich purrend um Millas Beine. Die nahm ihn hoch auf ihrem Arm, setzte sich auf das Sofa aus dunkelgrünem Plüsch. Als sie sich setzte, berührte ihre Hand etwas Kühles. Eine Zwetschge. Die konnte sie nicht übersehen haben, als sie in der Früh die Schlafstätte ihres jungen Gastes aufgeräumt hatte. Versonnen hielt Milla die Frucht in ihrer Hand, polierte sie an ihrem Pullover und erkannte auf ihrer dunkelblauen, violetten Haut das Abbild eines nächtlichen Sternenhimmels, über den in großer Höhe dünne Wolken zogen wie ferne Sternennebel. Tarik. Wenigstens ein Tarik war ihr geblieben, seufzte Milla. Was wohl aus dem Raum geworden war, zu dem sie sich geträumt hatte? Ob dessen Sterne noch leuchteten?

Milla ließ ihren Blick aus dem Fenster über den klaren Nachthimmel schweifen und lächelte.

Dienstag, 10. April 2018

Schlimme Sache




Wie aus dem Nichts kommt sie über mich. Ich weiß nicht, ob mir jemals irgendeine Seele nachempfinden kann, wie das ist. So eine Dimpression ist kein Pappenstiel, sonst würde man sie auch nicht Dimpression nennen. Sie ist vielmehr eine gestörte Wahrnehmung, das beklemmend gewisse Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Mit mir, mit meinen Sinnen, die mich im Stich lassen, mutterseelenallein mit dieser fetten Dimpression. Die mir in die Augen kriecht und von dort in mein Hirn, zu meinen Füßen ausufert, sie einschließt. Die über den Horziont hinaus läuft, in den Himmel hinein, um von dort auf mich herab zu schauen, ein kleines Würstchen mit einer Dimpression. Wenn doch nur die Sonne scheinen würde. Ein Windchen wehen. Aber es regnet. Es regnet auf meine Dimpression, es regnet in meine Dimpression und es ist kalt. Meine Füße sind nass und kalt, meine Nase ist nass und kalt und meine Hände sind es auch. Nass und kalt und Dimpression. Ich fühle, wie sie von mir Besitz ergreift; sie schließt mich ganz und gar ein - und dich lässt das alles kalt. Wie kannst du mir das nur antun? Wie bringst du es übers Herz, mich dieser Dimpression auszuliefern? Du bist Teil meiner Dimpression. Kannst ja gar nicht anders. Nur ich, nur ich selbst kann mich aus dieser Dimpression retten. Ich stecke meine nasse, kalte Nase in dein Ohr, stecke meine nassen, kalten Hände in deinen Nacken und ich hole mir das fehlende Stran aus deinem Quieken, von deinem warmen Rücken pflücke ich es mir, halte es gegen die Dimpression - schon ist die Welt in Ordnung. Du windest dich, nennst mich Blödmann - aber das macht mir doch jetzt nichts mehr aus. Hauptsache, dass ich diese verflixte Dimpression losgeworden bin. Alles ist in Ordnung, die Welt habe ich im Döschen und ein Stran für meine Dimpression. Jetzt ist sie schön, auch bei Regen. Komm, lass uns das gemeinsam genießen - da hinten ist Arngast, wir sind komplett!


Ludwig Janssen © 22.3.2007

Mittwoch, 4. April 2018

Wo ein Anfang ist und kein Ende

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



„Die Menschen kommen zu dir wegen deiner Torten. Suchen immerwährendes Versprechen. Hungern nach dem ersten Bissen Glück, den sie verspürten, als sie einander anvertrauten, sich verliebten. Sie erhoffen, dass ihnen jenes Glück, jene Seligkeit aus deinen Torten wiederersteht, Milla. Sie meinen schon mit dem ersten Bissen, es gefunden zu haben. Und doch kann solches Glück nicht ewig währen. Da sie einander, da sie die Torte, die Geschichte darin verzehren und das Glück im Moment des Genusses als Ganzes zu existieren aufhört und nur ein bisschen Glück bleibt.

So lassen sie in der Hoffnung auf Seligkeit auch mich jedes Jahr neu erstehen aus der Geburt eines Kindes. Die sie dann wieder vergessen. Und doch kehre ich wieder und wieder zurück, mit jedem neu geborenen Kind. So wie der Junge am Meer eines war. Ein jedes ein Universum für sich, Chance auf Neuanfang … und mit jedem Schritt seiner Menschwerdung verurteilt zu Scheitern und Untergang durch andere Menschen. Ein jeder meiner Gedanken.“

‚Auch Tarik? Auch ich?‘

„Wenn man, mit Welt und Zeit verbunden, neu geboren daliegt, in sich das Vergangene, das Kommende geborgen wie alle Sterne im All geborgen sind und das All in dir, und all das geht mit jedem deiner Atemzüge, geht ein und geht aus: Dann spürt man die Nägel in den Gelenken, das Ertrinken, will nach Haus.“

Sonntag, 1. April 2018

Herr Schalupke wartet auf die Propellerkaninchen



Es war einer jener Märztage, an denen das Warten sich anfühlt wie Erwachen. Windstille. Zum ersten Mal seit langer Zeit wärmte die Sonne. Ob er auf sich warten ließe, fragten sich Herr Schalupke und sein Huhn. Saßen unter dem Baum auf dem Hügel und schauten Richtung Süden.
Warten auf den Frühling. Herr Schalupke hatte den Arm ums Huhn gelegt und zog es an sich heran.
"Na? Ob es noch lange dauert?"
"Poock!"
Blau. Blau war, was als Erstes von Süden her Einzug gehalten hatte. Himmelblau, das sich am Horizont vertiefte. Hier und da ein weißes Wölkchen. Dann kam das Grün. Zunächst kaum wahrnehmbar schlich es von Süden heran, lief, einmal losgelassen, über die Wälder, turnte durch Haselnuss und Birke, verschwendete sich über den Wiesen und erklomm knospend den Baum, unter dem Herr Schalupke und sein Huhn saßen. Abenddämmerung ...
"Heute werden sie wohl nicht kommen."
"Pock!"
"Bleiben wir noch ein wenig?"
"Pock!"
Schalupke zog eine Handvoll Weizenkörner aus der Hosentasche, streute sie ins Gras. Eifrig pickend lief sein Huhn um ihn herum. Die Sonne sank, die Welt ergraute, Herr Schalupke schaute nach Süden.
Der Mond stieg voll und rund über den Horizont. 
"Bald, Huhn, bald ist es so weit." 
"Tü." 
Die Nacht würde kalt werden. Herr Schalupke nahm sein Huhn unter den Arm und ging heim. Ins Haus mit Schlafbaum fürs Huhn. Dort flatterte das Huhn von Ast zu Ast bis ganz oben.
Und, als niemand genau hinsah, vielleicht nur du und ich, flatterte auch Herr Schalupke, ein Nachthemd an, hinauf zum Huhn, schlüpfte unter dessen Flügel und machte es sich gemütlich. Das Schlafzimmer des Huhns hat drei gläserne Wände und ein gläsernes Dach. Zum Sterne-Anschaun.
Herr Schalupke lag, die Arme hinterm Kopf verschränkt, auf dem Rücken des Huhns, betrachtete den sternenklaren Himmel. Wartete auf eine Ankunft. Noch war es nicht so weit. Mitternacht. Von Norden stieg ein Geräusch über den Horizont und erfüllte die Nacht. Fffju, fffju ... fffju.
Als ob zahllose Schwingen die Luft schnitten. Wäre da nicht ab und an ein leises Ding! oder ein sonores Dong! zu vernehmen gewesen, man hätte meinen können, dass Wildgänse gen Süden zögen. Im Mondschein blinkte hier und da Bronze auf: Glocken! Die waren auf ihrem Weg nach Rom.
Der folgende Tag bemühte sich um Sonnenschein. Der Winter hatte sich in die schattigen Stellen zurückgezogen und wartete auf den Anbruch Nacht. Stille lag über dem Land. In der Ferne hörte man einen Zimmermann arbeiten. Trieb lange Nägel in die Balken. Morgen würden sie kommen.
Am nächsten Tag, es war ein Samstag, trug Herr Schalupke sein Huhn wieder unter den Baum auf dem Hügel und sie setzten sich auf eine Decke. Schauten wieder nach Süden. Die Sonne hatte den Zenit durchschritten, als sie ein leises Geräusch vernahmen, das sich pft-ft-ft-ft-ft! näherte.
Es klang ein wenig wie winzige Helikopter, das Schnarren kleinster Libellenflügel ft-ft-ft-ft-ft - und, Wunder, auf den ersten Blick mutete es an, als ob sich von Süden her tausende taumelnder Löwenzahnschirmchen auf den Weg gemacht hätten, sich über das Land zu säen.
"Schau!"
"Pock?"
"Sie kommen!"
"Pock!"
Herr Schalupke nahm sein Huhn in den Arm. Dass es nicht auf dumme Gedanken käme und ja keinen Blödsinn machte mit dem, was sich da ft-ft-ft-ft-ft ankündigte und bald auf dem sonnenbeschienenen Hügel ankommen würde, auf dem er und sein Huhn saßen.
!!! FT-FT-FT-FT-FT !!! Was da aussah wie Löwenzahnschirmchen, hatte sich auf Armeslänge genähert und eines schwebte vor Herrn Schalupkes Nasenspitze. Das war kein Löwenzahnsame! Winzige Hasenohren schwirrten und propellerten, und unter jedem hing ein Fellsäckchen mit großen Augen.
Propellerkaninchen! "Herzlich willkommen!", flüsterte Herr Schalupke behutsam, besorgt, dass, spräche er zu laut, sein Atem das kleine Luftschiff vor seiner Nase ins Trudeln bringen könnte. Was nun geschah, macht staunen, ist ein kleines Wunder der Natur. Die Winzlinge landeten:
Plimm-plomm-pada-pluff! tupften sie zu Boden, kullerten durchs Gras und liefen ein paar rasche Tippelschrittchen, ehe sie zu stehen kamen. Klappten ihre Ohren ein. Dabei blieb immer eines der Ohren senkrecht stehen, das andere zeigte zu Boden. Der lange Flug hatte sie ausgezehrt.
Daher sah Herr Schalupke, kaum, dass die Winziglinge gelandet waren, sich flüchtig geputzt, Schnurrhaare und Ohren gerichtet hatten, wie ein jedes Propellerkaninchen in eine Krokusblüte schlüpfte und dort vom Pollen fraß: Pluff! wuchsen sie auf Hummelgröße, purzelten hinaus.
Liefen zur nächsten Blüte, fraßen diese ganz, wuchsen pluff! auf Spatzengröße, hoppelten von einer Krokusblüte zur nächsten, fraßen und fraßen und wuchsen pliff! ploff! pluff! zu einer Größe heran, wie man sie auch von Zwerghasen kennt. Frisch gestärkt machten sie sich ans Werk.
Nun saß Herr Schalupke nebst Huhn zwischen aberhunderten Propellerkaninchen und staunte nicht schlecht, als die aus der Bauchtasche einen Korb zogen, einen "Panier claque", der sich klack! entfaltete und auf ihren Rücken passte. Dann stoben sie in alle Himmelsrichtungen davon.

Samstag, 31. März 2018

Vom Abschied nehmen

Spür den Frühling und den
Abschied darin schon liegt
alles Blütenschneien mir
zu Füßen eines langen Wegs
noch ehe die erste Knospe
sich öffnet, reift die Frucht
im Abschied nehmen wir auf
und davon leben wir Wolken
ins Blaue hinein und gehen

Ludwig Janssen © 31.3.2018

Donnerstag, 29. März 2018

Der tote Junge am Meer

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Und der Junge am Meer?‘

„Er ertrank, Milla, vor der Küste, an der du seinen Leichnam fandest.“

‚Auch ihn hättest du zu dir rufen können, dass er über das Wasser laufen und zu einem eigenen Universum werden kann. Zu einem Universum, das sich aus der Kraft seiner Gedanken schöpft. Er müsste nicht tot daliegen, einem erbärmlichen Ende preisgegeben.‘

„Wer, Milla, sagt, wer, Milla, weiß, dass es so ist?“

‚Ich habe ihn dort liegen sehen …‘

„Zu Ende gedacht?“

‚Zu Ende gedacht? Er war … tot!‘

„Milla …“

Milla Cremeso fühlte einen Seufzer ihre Gegenwart durchströmen. Ihr fröstelte. Der Kosmos, der sie erfüllte und den sie, Milla, aus- und erfüllte, schimmerte weit und verloren vor sich hin. So weit er auch sein mochte, eine Antwort auf ihre Frage, was Tariks „zu Ende gedacht?“ andeutete, fand sich nicht in ihm.

„Es ist wie mit deinen Torten, Milla.“

Milla fragte sich, was eine ihrer Torten mit einem ertrunkenen Jungen zu tun haben sollte. Oder damit, dass sie, Milla, sich hier wiederfand, als ein sich selbst aus der Kraft ihrer Gedanken schöpfendes Universum. Noch dazu geborgen in der Gegenwart eines ihr gewogen gestimmten Gegenübers, das sie zu sich gerufen hatte und zu dem hatte werden lassen, was sie jetzt ausmachte.
„Kraft eines Gedankens hast du in dir Sterne entstehen lassen, Milla. Schau sie dir an. Was soll als Nächstes geschehen?“

Jede ihrer Torten, erkannte Milla, war einem kleinen Universum vergleichbar, das sie aus ihrer Vorstellungskraft und ihrem Geschick hatte entstehen lassen. Alles an ihr, auch der Zauber, den man ihren Torten nachsagte, entsprach ihrer Gedankenwelt und brachte zum Ausdruck, wie sie das liebende Paar und dessen Geschichte gesehen hatte. War ganz. So wie auch ihre Wirkung auf das Brautpaar und dessen die Torte verzehrende Gesellschaft ganz war. Für einen Augenblick, nur einen Augenblick lang: ganz.

Zugleich jedoch war jede Torte, einmal ausgehändigt, zu Ende gedacht. Milla hatte keinen Einfluss mehr auf sie. Mehr noch – kaum angeschnitten, kaum, dass der erste Bissen gegessen war, so war auch ein Ende mit der Gedankenwelt, war ein Ende mit dem, was als Ganzes der Torte an Geschichte, an Zauber innegewohnt hatte. Es blieb: Stückwerk. Stückwerk, das auf den Gaumen der es Verzehrenden verging. Aller nachträglicher Lobpreis dem Rauschen vergleichbar, das Milla den Raum durchsieben spürte, der Milla erfüllte und in dem Sterne leuchteten, die sie kraft eines einzigen ihrer Gedanken erschaffen hatte. Nachklang des Berstens, mit dem sie vergangen und aus dem der Raum entstanden war.

‚Und? Der Junge? Ist er eine deiner … Torten? Ist er zu Ende gedacht?‘

Seufzen.

„Er ist. Ist noch in mir.“

‚So wie ich?‘

„So wie auch du, Milla.“

Milla spürte sich von einem Lächeln umgeben. Doch verspürte sie auch eine tiefe Traurigkeit, die diesem Lächeln innewohnte.

‚So bin auch ich, wie der Junge, ein Gedanke in dir, nicht zu Ende gedacht?‘

„Da ich ewig bin, Milla, ewig und überall, ist – anders als deine Torten - keiner meiner schöpfenden Gedanken zu Ende gedacht.“

Freitag, 23. März 2018

… gesponnen



aus Spinnweben ein Gedicht
im Sinnen Sinn nun hinterher
versonnen schlendert in die Weite
Welt und braucht nicht mehr
als aus Spinnweben einen
Gedanken, tief gesunken ein
Same, aus der Luft gegriffen
wirkt sich nun dein Denken fein
zu schleierhaftem Augenblick
Licht, Versprechen, ganz
für sich allein

Ludwig Janssen © 23. 3. 2018

Donnerstag, 22. März 2018

Vom dem, was jeder in sich trägt

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH



Dunkel. Milla war: Dunkel. Und ihr war dunkel zumute. Die leise fragende Stimme vermeinte sie zugleich von fern wie auch aus ihrer eigenen Mitte zu hören:

„Milla?“
‚Ja?‘

… dachte sie und lauschte dem Klang dieses Gedankens, wie er, als wäre ein Steinchen in ruhendes Wasser gefallen, sich sacht rollend ausbreitete in der Stille, die sie umgab.

„Milla?“

Tarik. Die Stimme erinnerte an ihn, doch klang sie wesentlich älter, viel älter und reifer, als Milla den kleinen Jungen neben sich erlebt hatte. Wie er gedankenverloren auf dem Dielenboden gesessen hatte, das schwarz-weiße Katerchen auf seinem Schoß. Wie er ihm Lieder vorgesungen hatte in einer ihr fremden Sprache. Milla dachte:

‚Wo bin ich?‘

„Hier“, kam die Antwort.

‚Was ist mit mir?‘

„Du bist.“

‚Wo bin ich?‘

„Zu einem Wo bräuchte es einen Raum, der dich umgäbe, Milla. Du bist. Bist in mir. Und der Raum … Der Raum, Milla, ist in dir.

‚Wenn ich in dir … sein kann … bin, bist du ebenfalls - Raum?‘

„Nein. Raum hat nur drei Dimensionen innerhalb eines vierdimensionalen Gebildes. Du bist – und der Raum ist in dir.“

‚Bin ich der Raum?‘

„Du, Milla, bist mehr. Bist mehr als der Raum, der in dir ist, denn du bist mehr als nur eine Grenze. Du bist. Bist jedes Ding in dir, jeder Ort, bist an jedem Ort.“

‚Hier ist so dunkel. Bin das auch ich?‘

„Ja, Milla.“

‚Machst du Licht?‘

„Das, liebe Milla, liegt in deiner Macht – denk es.“

‚Licht!‘

Auch dieser Gedanke Millas rollte durch den Raum, der sie war. Rollte? Schneller, als Licht es je vermocht hätte, griff er sich den sich ihm bietenden Raum. Milla spürte, wie winzige Teilchen zueinander strebten, sich fanden, aneinander legten und wie das Dunkel in ihr, das Dunkel, das sie war, sich hier und dort wieder verdichtete. Schwer wurde es und schwerer. Das wuchs, schwerte und mehrte sich und … Mit einem Mal flammten riesige Gasbälle auf, in denen unter dem Druck der sie ausmachenden Elementarwolken Wasserstoff unter gleißendem Scheinen zu Helium fusionierte.

Licht!

‚Ich habe gemacht, dass Licht … ist!‘

Mit der Schöpfungskraft dieses einen Gedankens hatte Milla gemacht, das Licht war. Wo nur steckte Tarik? Seine Stimme war überall, eine Gestalt jedoch war nicht auszumachen. Milla selbst war ohne Gestalt. Und doch zugleich alles, das war. Ob sie auch … Tarik war?

„Tarik?“

Keine Antwort.

‚Tarik?‘

Milla spürte seine Gegenwart. Wie diese sie einhüllte und barg. Doch fühlte sie sich nicht geborgen. Fühlte sich allein. War es Tarik, dessen Gegenwart sie spürte? Die Gegenwart dessen, den sie als Tarik kannte, den zu nächtlicher Stunde an die Tür Klopfenden. Sein Ruf hatte sie hergeführt. Weg von einem Strand am Mittelmeer, an dem sie soeben noch neben dem Leichnam eines kleinen Jungen gestanden und um Hilfe gerufen hatte.

‚Warum?‘

„Warum nicht, Milla? Auf diese Art können wir uns nahe sein, ohne dass ich aus einem kleinen Jungen zu dir aufsehe und wir über eine deiner sagenhaften Torten sinnieren.“

Mittwoch, 21. März 2018

Zeitschafe

Bin unter sie geraten, sie
ziehen wie Wolken über einen
Himmel endloser Zeitschafe
hin finde ich mich laufen
mit ausgebreiteten Armen
bin ich eines von ihnen
oder ist es nur ein Fell
das um mich schlackert
Schlaf, der ich bin, tief
in mir weiß ich himmelblaues
Warten auf weißes Träumen

Ludwig Janssen © 21.3.2018