Montag, 14. August 2017

Bist du traurig?

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Vom Gartenzaun her grüßte ein Junge. Hatte die Arme über den Spitzen der Haselstecken verschränkt und sein Gesicht ruhte auf diesen braun gebrannten, dünnen Armen. Milla musterte ihn. Dunkle Hautfarbe, schwarze Locken, kohlrabenschwarze Augen. Könnte zu diesen Flüchtlingskindern gehören, die seit geraumer Zeit im Ort untergebracht waren. Einige mit, andere ohne ihre Eltern. Vielleicht sieben Jahre alt. Woher nur beherrschte er ihre Sprache?

„Hm …“

Milla war nicht nach Reden zumute.

„Ich komme, mich zu bedanken.“

„Wofür?“

„Den Zwetschgenkuchen, den gespendeten.“

„War der gut?“

„Köstlich! Wenn ich davon abbiss und die Augen schloss, war mir, als ob ich nach Hause käme.“

Seltsamer Junge. Über ihren Pflaumenkuchen hatte Milla noch niemanden so reden hören. Sie bat den wunderlichen Gast zu sich auf die Stufen ihrer Backstube, wo er bereitwillig Platz nahm.

„Ich habe noch welchen, magst du ein Stück?“


Leuchtende Augen.

Samstag, 12. August 2017

warten

Warten, darauf einen Reim zu finden ist hart, denn die einen meinen, darüber reden zu müssen an Flüssen stehen sie rum, die meisten stumm.

Ludwig Janssen © 8.8.2017

Freitag, 11. August 2017

Nacht



Nacht, dich weiß ich als ein Gleiten
gen Westen, Abschied, Untergang
mich darin mit meinem Schreiten
gen Osten, Tag - und dir entgegen

werde ich mich schlafen legen
wenn ein Ende meinem Reisen
Drehen um und durch die Dinge
und dereinst auch deinem Kreisen

Welt, mich hält in Raum und Zeiten
das dir eigne Abwärtsgleiten
auf den Grund, nicht durch den Gang
der Dinge und so bleibt, was All

es für mich war, nur anders


Ludwig Janssen © 31.12.2012

Montag, 7. August 2017

Eine Insel

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH
Milla Cremeso lebt auf einer fliegenden Insel. Auf einer fliegenden Insel? Ja, eine Insel mit Leuchtturm, Anlegestelle, Möwen und Meer – mit Fischen darin und Wolken darüber. Irgendwie scheint alles dort in der Schwebe zu sein und fliegt. Menschengeist. Gleitet mit Fischen durch kühle Tiefe und zieht unterm Blau der Himmelskuppel mit den Wolken. Oder auch andersherum. Und, was es dort auch gibt, sind die legendären Hochzeitstorten Milla Cremesos.

Milla Cremeso betreibt eine kleine Konditorei, in der sie ihre Kreationen zum Besten gibt. Ich las, das Gerücht gehe um, einige Menschen würden ihrer Hochzeitstorten wegen heiraten, und, noch besser, dass dies auch wahr sei und der Zauber der Torte den Beginn einer großen Liebe stifte.

Eines späten Nachmittags saß Milla betrübt in der Hintertür ihrer Pâtisserie auf den Stufen zum Hof. Stützte das Kinn auf die Hände und betrachtete über den blühenden Garten hinweg den See. Den See, der das Meer um die fliegende Insel inspiriert hatte. Dessen Wellen wiegten das glitzernde Spiel der tief stehenden Sonne. Still lag er da, die Ruhe selbst.

Milla sann ihrer Ehe nach, die ihr, allem Zauber der von ihr gefertigten Torten zum Trotz, alles andere als die Erfüllung einer großen Liebe gebracht hatte. In die Brüche gegangen war.

Sonntag, 6. August 2017

woanders

ich liebe ein wort: woanders
streichle seine flanken so
anders als seinen bauch, salam
anders auch wo anders als
hier bei mir gehts ihm gut

Ludwig Janssen © 6.8.2017

Freitag, 4. August 2017

Nachtspalter


Ein Dichter saß bei Kerzenschein
dem Kontext folgend arm, allein
schrieb im Zucken schwachen Lichtes
die Eingeweide des Gedichtes

das sein Wirken krönen würde
Versah ein Forum mit der Bürde
des Genies, das hier leibhaftig
ein Gedicht schrieb, welches saftig

wie ein Pfirsich, aber grotte ...
Das Textlein ahnt' es - wurde Motte
stürzte sich zur Kerze hin
machte knisternd PRKST, verging



Ludwig Janssen © 29.7.2010

Samstag, 29. Juli 2017

Sequenz … mit sich ausbreitender Stille darin


Sie sagen, du seist zur Ruhe gekommen. Und ja, du bewegst dich nicht mehr so viel. Die technische Hilfe um deinen gebrechlichen Körper, die deine Flucht in rastloses Wandern stützte, wirkt wie ein Schneckenhaus, das du zwar noch um dich trägst, doch nur noch selten machst du ein paar Schritte voraus, nimmst Schwung nach hinten. Flut oder Ebbe? Das eine kommt, das andere geht. Nein, zur Ruhe gekommen bist du nicht. Es ist das Fehlen, das in dir Raum greift. Zunächst fehlte das Erinnern, dann ging dir das Sich-Auskennen aus, ließ dich irrgehnd wo zurück, wo du nicht sein wolltest. Und später, viel später folgte das Wollen.

Es ist die Flut, die zurückkehrt. Sie nimmt sich, was dich ausmachte. Sand sinkt in Sand, Sandkorn um Sandkorn folgt dem Strich der anlandenden Wellen, legt sich mit ihrem Zurückweichen ins Vergessen. Alles Erhabene schwindet. Wenn du für dich bist, liegt davon in deinen Augen. Für dich sein, ob nun allein oder in Gesellschaft eines, der dich in Ruhe lässt. Nicht retten will. Dich den Sog des Unausweichlichen nicht wieder spüren lässt.

Hier war einmal eine Sandburg mit Toren, Türmen und Zinnen. Die Puppe in deinen Armen erzählt einen verloren geglaubten Wunsch, den wir dich leben lassen. Humbta-ta und Tanz wecken deine Lebensgeister für den Augenblick, den du lebst. Du lebst den Augenblick. Weil du nicht anders kannst. Wenn wir uns Zeit nehmen für dich, lassen wir dir einen Augenblick nach dem anderen erstehen. Manchmal magst du in den Arm genommen werden. Noch, noch weiß ein jeder, dass hier einmal eine Sandburg stand, mit Türmen, Zinnen und Toren. Am Ufersaum rollt ein Schneckenhaus im Wellenschlag der anlandenden Flut.


Ludwig Janssen © 29.7.2017

Montag, 24. Juli 2017

Kosmisches Drehen



Und ist auch alles Quantenwirbel
Chaos in vertrauter Bahn
verborgen jedes Menschen Meter
nur seinem Träumen aufgetan

so schwinden jene Wirklichkeiten
die Menschengeist mit Sinn durchwirkt
zu Wolkenschaum – und Fragezeichen
was Insel seinen Sinnen wird

Still neige ich mich vor dem Großen
das alles ineinander fügt
in raum- und zeitenlosem Schoße
gewähren lässt und einfach liebt


Ludwig Janssen © 18.01.2004

Mittwoch, 19. Juli 2017

Langer Atem


Geh zeitig, doch geh nie zu weit
fort, denn wieder her ruft dich
zum Ort der Wiederkehr beizeiten
von wo auch immer
Immerdar hierher
gleiten flüsternd, auf der Wellen Klar
Träume, knisternd, die Gestade säumen
Vergänglichkeit im Flockenschaum
das Band zerschlagner Schneckenhäuschen

Das rollt und rollt und gottgewollt
Gezeiten - Wiederkehr, nur Ewigkeit
ist anders, schwer und kühl mein
Sinn 
bleibt fassungslos sich selbst
und ohne alles Rund

Das rollt in den Schneckenhäuschen
sich zum Sandkorn hin und grüßt
wissend um das Spiel von Endlichkeiten
von- neben- zu- für- aus-
und nur: einander sein
alles Immerdar nur Traum


Kaum Gedanke aus gequirlten Quanten
fanden meine Kleinigkeiten sich
zu einem Turm mit Licht
darin, es scheint den Nächten aus
den Rippen Kegel, in der Ferne Leuchten
unbekannten Schiffen oder Nichts
verloren und vergebens
Wert, voller Hoffnungslos
in meinen Händen Sand am Strand

klirren  Schneckenhäuschen

Ludwig Janssen © 29.4.2005

Schattenmusikant

Dunkel mein Grund
dem Kiesel Ort
der Stille Ziel
taumelndem Sinken
Ein Meister darin
mit einem Cello
der Tod.

Sein Schattenspiel Saiten
zart gestrichen, rühren mich an
machen meinen Klang
der sterblich dich berührt
Singt er doch das Lied
eines Abschieds feiner

als Licht macht er
dass ich lieben
Glück fühlen
das Leben loslassen
kann, werde
Erde.
Ludwig Janssen©19.6.2004/19.7.2017